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Ohne Widerstand geht es nicht

 

Von Jacob Burckhardt stammt die Erkenntnis, dass Geschichte nicht klug für ein andermal, sondern weise für immer macht. Es geht nicht um Rezepte, sondern um Erkenntnisse. Dies gilt auch für die Herausforderungen, die mit einem Strukturwandel verbunden sind. Immer waren innovative Unternehmer die treibenden Kräfte. So auch im 18. Jahrhundert in St.Gallen, in der Zeit der Leinwandkrise. Wohl kein Zufall ist, dass diese als Einwanderer oder als europaweit tätige Kaufleute in der Stadtpolitik nur eine untergeordnete Rolle spielten. Ihre Unabhängigkeit erlaubte es ihnen, Bestehendes in Frage zu stellen und mit neuen Produkten und vor allem mit einer neuen Produktionsweise auf veränderte Bedürfnisse und Rahmenbedingungen zu reagieren. Der Weg aus der Leinwandkrise führte nicht über politisch motivierte Sicherheitsversprechen und die Garantie des Status Quo. Entscheidend waren vielmehr veränderungsbereite Persönlichkeiten, die nicht den mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel verbundenen Gegenwind bekämpften, sondern die Segel neu setzten.

Das Gedankenspiel von der Taube

Geprägt und geleitet wurden die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen im 18. Jahrhundert durch die Ideen der Aufklärung. Immanuel Kant beschrieb diese als den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit und postulierte als Leitgedanken der Aufklärung den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Kant war es auch, der in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ mit dem Gedankenspiel von der Taube aufzeigte, was es braucht, um im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft zu gehen: „Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, dass es im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde“. In Wirklichkeit jedoch stürzt die Taube im luftleeren Raum ab. Ohne Widerstand geht es nicht. Dies zeigt sich auch in der Transformation einer Gesellschaft. Neues entsteht nicht aus dem Bemühen, alle Steine aus dem Wege zu räumen. Eine Politik – so Peter Sloterdijk – die den Menschen kampflose Freiheit, stressfreie Sicherheit und leistungsunabhängige Einkommen in Aussicht stellt, ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Ein Zurück in die Zukunft gibt es nicht. Zeiten des Wandels sind eine Reise ins Ungewisse. Die mit der Globalisierung und der Digitalisierung des Wissens verbundene Dekonstruktion von Prozessen und Strukturen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft lässt sich weder mit flankierenden Massnahmen noch mit Albert Anker-Ausstellungen und Schellenursli-Verfilmungen aufhalten. Der Weg in eine erfolgreiche Zukunft führt vielmehr über eine in jeder Beziehung unternehmerische Gesellschaft.