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Die Luft der Freiheit weht

 

Obwohl wir uns erst am Anfang der digitalen Transformation befinden, ist absehbar, in welche Richtung wir unterwegs sind. Dank den Kundenbewertungen in Tripadvisor finden wir ein kleines Boutiquehotel in Bordeaux. Uber macht aus Privatpersonen Taxiunternehmer und mit Airbnb buchen wir Gästezimmer in privaten Haushalten. Dies alles im Sinne einer direkten Verknüpfung privater Interessen und unter Ausschluss staatlich geschützter Monopole und Kontrollinstanzen. Wunderbar. Die eigene Entscheidungsfähigkeit, die eigenen Kompetenzen und der eigene Mut zum Risiko melden sich zurück. Daran werden auch die Proteste der Nutzniesser staatlicher Sicherheitsversprechen nichts ändern.

 

Die Luft der Freiheit weht

Die Geschichte ist bekannt. Im Jahre 2009 gründete der in der Ukraine aufgewachsene Jan Koum  in Kalifornien den Textnachrichtendienst WhatsApp. 2014 verkauften Koum und seine fünfzig Mitarbeitenden das Unternehmen für 19 Milliarden Dollar an Facebook. Heute bedient WhatsApp über eine Milliarde Nutzer, die täglich 42 Milliarden Nachrichten und 1,6 Milliarden Fotos versenden. Dies auf Kosten der von den europäischen Telekommunikationsunternehmen entwickelten SMS-Dienste. Der digitale Wandel verläuft atemberaubend schnell. Kunden reagieren unmittelbar auf technisch und preislich überlegene Angebote. Da gibt es weder Emotionen, noch patriotische Gefühle oder nostalgische Befindlichkeiten. Ganz anders funktioniert das öffentliche Leben. Organisationen, Institutionen, Erfahrungen und kulturelle Werte verändern sich weit bedächtiger. Als Konsumenten nutzen wir die Möglichkeiten des weltweiten Online-Shoppings. Wir verlinken uns über Facebook und suchen unsere Informationen auf Google. Als Stimmbürger dagegen fordern wir einen starken Service public, flankierende Massnahmen und Zollschutz für die Landwirtschaft. Alles soll so bleiben, wie es in den guten alten Zeiten angeblich einmal war. Der Patriotismus feiert links wie rechts ein Comeback. Die einen wollen keine fremden Arbeitnehmer, die anderen keine fremden Investoren. Vernunft und Gefühle treffen aufeinander. Die langfristig positiven Trends werden durch den subjektiv wahrgenommenen Verlust an Sicherheit überlagert.

Erfolg macht träge

Veränderungen bedrohen Besitzstände. Es ist einfacher und vor allem renditeträchtiger, Bewährtes zu optimieren als Neues zu riskieren. Kleine, in sich geschlossene und gut organisierte Interessengruppen verteidigen ihre Sonderinteressen. Die damit verbundene steigende Regulierungsdichte belastet die gesamte Wirtschaft. Das Landesmantelkartell reguliert auf nicht weniger 178 allgemeinverbindlich erklärten Seiten die Arbeit im Baugewerbe. Von der Arbeit in Wasser und Schlamm, der Distanz zwischen Baustelle und der nächstgelegenen Telefonkabine bis zur Zahl an WC-Anlagen. Regierungen, Parlamente und Sozialpartner streiten über Einzelfragen der analogen Arbeitswelt. Realitätsverweigerung als Geschäftsmodell. Parallel dazu verändert der digitale Arbeitsmarkt die Welt. Im Büro an der Brühlgasse in St.Gallen wird der Drucker nicht mehr vom lokalen EDV-Spezialisten, sondern via Skype und TeamViewer mit der Unterstützung eines Fachmannes aus Indien installiert. Besonders gefährdet sind die Erfolgreichen. Sie lassen sich am schwierigsten verändern. Erfolg macht träge, satt, selbstverliebt. Dabei wird eine entscheidende Erfahrung verdrängt: Ein Strukturwandel funktioniert weniger wie an ein Gewitter als viel mehr wie ein Tsunami. Der Auslöser der Erschütterung – hier ein Erdbeben, dort ein technologischer Paradigmenwechsel – führt vorerst mehr oder weniger unbemerkt zu lediglich kleinen Wellen. Treffen diese aber auf die Küste, entwickeln sie zerstörerische Kräfte. Wer die Zeichen des anbrechenden Sturms nicht erkennen will und die geringe Wellenhöhe auf offener See mit Ruhe verwechselt, hat verloren.

Der Wohlstand der Nationen

Die Erfahrung lehrt uns, dass Gesellschaften immer dann erfolgreich sind, wenn die politische, die wirtschaftliche und die technologische Entwicklung im Gleichschritt unterwegs sind. So etwa nach der Gründung der modernen Schweiz oder in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg. Heute jedoch geraten wir aus dem Tritt. Die Wirtschaft verabschiedet sich vom politischen Tagesgeschäft. Die Verwaltung verselbständigt sich. Parteien spielen gleichzeitig Regierung und Opposition. Unheilige Allianzen verhindern Reformen. Volksinitiativen werden immer extremer, der Ton gehässiger. Symptome, die auf Ursachen hinweisen, die weit über parteipolitische Auseinandersetzungen und konjunkturelle Krisen hinausgehen. Es geht um Grundlegendes: Die Spielregeln von Politik und Wirtschaft werden neu definiert. Und dies mit einer Konsequenz von möglicherweise historischem Ausmass. Vergleichbar mit der Industrialisierung, dem Übergang von der agrarischen zur industriellen Produktionsweise. Technische Errungenschaften wie die Dampfmaschine, die Elektrizität und der Verbrennungsmotor lösten die individuellen Fähigkeiten des einzelnen Handwerkers ab. Im 19. Jahrhundert explodierte der Unternehmergeist. In der Massenproduktion definiert sich wirtschaftlicher Erfolg über Grenzkosten und intelligente Wertschöpfungsketten. Die Arbeitsteilung sorgt für den Wohlstand der Nationen. Das Effizienzprinzip bestimmt das Spiel: Straffe Regeln, Normen, Standards. Die Organisation ist hierarchisch, zentral geführt, von Experten geprägt. Masse ist Macht. Prinzipien, die sich auch in den staatlichen Institutionen durchsetzen. Form follows function. Die grossen Flächenstaaten, das Prinzip der nationalen Souveränität, der föderale Staatsaufbau, die Macht der Bürokratie, der vorsorgende Wohlfahrtsstaat, das Konkordanzprinzip, die Sozialpartnerschaft, der Service public  – dies alles sind institutionelle Antworten auf die Herausforderungen der Industriegesellschaft. Antworten, die zunehmend aus der Zeit fallen. Es wird uns nicht gelingen, mit dem Werkzeugkasten des 19. Jahrhunderts und den Methoden des 20. Jahrhunderts die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen.

Digitale Revolution

Wie funktioniert nun aber eine Gesellschaft, die sich der Logik der Digitalisierung entsprechend verändert? Wir wissen es nicht. Vieles spricht aber dafür, dass der Wandel fundamental sein wird. Wir erleben den Übergang von der analogen Welt des Buchdrucks zur digitalen Welt der Informations- und Kommunikationssysteme. Raum und Zeit sind nicht mehr, was sie über Jahrhunderte waren. Die Maschinen der industriellen Revolution automatisierten die körperliche Arbeit. Heute assistieren Algorithmen den Menschen beim Wissen. Sie klassifizieren Informationen, stellen diese neu zusammen und verarbeiten eigenständig Daten und Fakten. Digitalisierte Informationen sind keine knappe Ressource, sondern jederzeit und überall verfügbar. Grenzkosten verlieren an Bedeutung, der Transaktionsaufwand tendiert gegen null. Netzwerkeffekte ersetzen Skaleneffekte. Der horizontale Wettbewerb verdrängt das vertikale Konkurrenzprinzip. Es geht nicht länger um Unterordnung und Kontrolle. Mit der Zunahme der beteiligten Systeme nimmt die Komplexität exponentiell zu. Der Aspekt der Pluralität tritt in den Vordergrund. Vielfalt schlägt die beste Lösung. Zentrale Systeme werden durch die Umkehrung ins pure Gegenteil, die denkbar extremste De-Zentralisierung ersetzt. Dies alles verläuft alles andere als linear, schmerzfrei. Rückschläge, Fehlentwicklungen, der Missbrauch von Informationen und Macht gehören auch in digitalen Netzwerken zum Alltag. An der Marschrichtung ändert sich jedoch nichts.

Der Staat im dritten Jahrtausend

Das Auseinanderdriften von wirtschaftlicher und politischer Entwicklung führt zu Wohlstandsverlusten. Das schwache Wachstum, die hohe Arbeitslosigkeit und die überschuldeten Haushalte vieler westlicher Staaten sind die sichtbaren Folgen von politischen Systemen, die es verpasst haben, ihr politisches Koordinatensystem den Spielregeln einer globalisierten und digitalisierten Welt anzupassen. Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein bringt es auf den Punkt: „Gelingt es im Zeitalter der Globalisierung nicht, den Staat nach vorne, in die Zukunft zu führen, verrostet dieser und landet auf dem Abfallhaufen der Geschichte.“ Keine Regierung ist in der Lage, die sich rasch wandelnden Regeln und Muster einer digitalisierten Welt zu erfassen und der zunehmenden Komplexität gerecht zu werden. Globale Systeme kann man nicht zentral steuern. Hierarchisch organisierte Strukturen scheitern. Die traditionelle staatliche Macht verlagert sich in Richtung von informellen Netzwerken, losen Bündnissen und zum Individuum selbst. Das vertikale Machtgefüge weicht Netzwerkstrukturen, in denen nicht jeder gleich, aber alle gleichwertig sind. Wie von Peter Kruse in einem flammenden Appell im Deutschen Bundestag vorgetragen, sitzt in einer digital vernetzten Gesellschaft die Macht beim Nachfrager. Wir bekommen einen extrem starken Kunden, einen extrem starken Mitarbeiter und wir bekommen einen extrem starken Bürger.

Mehr Vielfalt, weniger Politik

Der wirtschaftliche Wandel ist ein offener, historischer Prozess und folgt keiner Mechanik. Sicher ist einzig, dass es kein Zurück in die Zukunft gibt. Das Rad der Zeit kann man nicht zurückdrehen. Zukunftstaugliche politische Institutionen orientieren sich in ihren Entscheidungsmustern nicht länger an den Erfahrungen der Industriegesellschaft, sondern an den Spielregeln einer globalisierten und digitalisierten Welt.  Und dies in zweifacher Hinsicht:

In erster Linie gilt es zu akzeptieren, dass der nationalstaatliche Handlungsspielraum kleiner wird. Die Antwort auf diese Herausforderung liegt jedoch nicht in der Konstituierung von Super-Staaten wie der Europäischen Union oder gar einer Weltregierung. Der Versuch, nationalstaatliche Strukturen auf eine nächsthöhere Ebene zu transferieren, ist in einer entgrenzten Welt zum Scheitern verurteilt. Es geht nicht um die Etablierung eines universellen, homogenen Weltstaates, sondern um die Entwicklung globaler Netzwerke, die verschiedene Räume gleich einem Verkehrsnetz miteinander verbinden. Die Zukunft braucht nicht mehr politische Kontrolle, sondern mehr Vielfalt. Es führt kein Weg an der Entstaatlichung unserer Gesellschaft vorbei. Die Vielfalt an Bedürfnissen, Lebensentwürfen, Optionen und Risiken lässt sich nicht zentral verwalten.

Als Gemeinwesen müssen wir uns zweitens von der Vorstellung verabschieden, dass es für unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen eine einzige, für alle verbindliche und mit staatlicher Gewalt durchzusetzende Lösung gibt. Die traditionelle rechtsstaatliche Kaskade von Verfassung, Gesetzen, Verordnungen, Reglementen, Kontrolle und Bestrafung vermag die Wirklichkeit nicht länger abzubilden. Die gesetzgeberische Perfektion steht in einem fundamentalen Widerspruch zu den Herausforderungen enormer Komplexität. Darüber hinaus wird der traditionelle Gesetzgebungsprozess der aktuellen Veränderungsgeschwindigkeit nicht einmal mehr ansatzweise gerecht. Baugesetzrevisionen, die über zehn Jahre vorbereitet werden oder eine Energiewende, die den Energiemix im Jahre 2050 definiert, sind Rohrkrepierer. Die Industrialisierung basierte auf detailgenau geregelten Systemen. Das Digitale dagegen ist fragmentiert. Flexibilität tritt an die Stelle starrer Normen.

Après moi le déluge?

Wie eingangs angesprochen, besteht wenig Hoffnung, dass sich das politische System aus eigener Kraft verändern wird. Wähleranteile gewinnt man nicht mit einer Wette auf die Zukunft, sondern mit Wahlgeschenken in der Gegenwart. Bedient werden diejenigen, die vom Status quo profitieren. Wer hat, dem wird gegeben. Sollen wir uns also wie Romulus der Grosse bei Dürrenmatt auf unseren Landsitz zurückziehen, Hühner züchten und Spargelwein trinken? Dies in der Überzeugung, dass sich das Unabänderliche nicht aufhalten lässt? Macht es allenfalls Sinn, diese Gelassenheit gegenüber den Herausforderungen der Zukunft mit einer kurzfristig orientierten Selbstoptimierung zu verbinden? Beispielsweise über Rentenbezüge auf Kosten kommender Generationen? Après moi le déluge? Sicher nicht. Jeder Wandel schafft Chancen. Und dies insbesondere für Querdenker und Individualisten. In Zeiten der Veränderung spielt die Musik nicht in den Salons der Etablierten. Auch in der Industriegeschichte waren es immer wieder Migranten, die Neues wagten. Ihre Distanz zur politischen und gesellschaftliche Elite erlaubte es ihnen, Bestehendes in Frage zu stellen. Heute ist es die durch und durch multikulturelle Gesellschaft des Silicon Valley, die mit disruptiven Geschäftsmodellen die Welt bewegt. Mit der gleichen Konsequenz, mit der wir den öffentlichen Verkehr perfektionieren, verändern Uber, Tesla, Google und andere die individuelle Mobilität von Grund auf. Gut möglich, dass wir bald einmal auf Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe sitzen.

Verknüpfung privater Interessen

Obwohl wir uns erst am Anfang der digitalen Transformation befinden, ist absehbar, in welche Richtung wir unterwegs sind. Dank den Kundenbewertungen in Tripadvisor finden wir ein kleines Boutiquehotel in Bordeaux. Uber macht aus Privatpersonen Taxiunternehmer und mit Airbnb buchen wir Gästezimmer in privaten Haushalten. Dies alles im Sinne einer direkten Verknüpfung privater Interessen und unter Ausschluss staatlich geschützter Monopole und Kontrollinstanzen. Wunderbar. Die eigene Entscheidungsfähigkeit, die eigenen Kompetenzen und der eigene Mut zum Risiko melden sich zurück. Daran werden mittelfristig auch die Proteste der Nutzniesser staatlicher Sicherheitsversprechen nichts ändern. Eine Wertschöpfung, die es aus technischen Gründen nicht mehr braucht, ist keine Wertschöpfung mehr und fällt dahin. Die digitale Zukunft gehört Menschen, die in der Lage sind, ihre Dinge selbst zu regeln. Das Delegieren von Verantwortung und Entscheidungen an das Kollektiv funktioniert nicht mehr, weil das Kollektiv nicht mehr funktioniert. Der keynesianische Interventionsstaat hat sein Pulver verschossen. Heute geht es darum, Eigeninitiative und Selbstverantwortung zu stärken. Und dies nicht mit Präventions- und Sensibilisierungskampagnen, mit Quotenregelungen und flankierenden Massnahmen, als vielmehr mit Systemen, die den Einzelnen in die Verantwortung nehmen. Dazu gehört beispielsweise eine Bildungsfinanzierung, die bereits jungen Erwachsenen klar macht, dass der Free Lunch eine Option ohne Zukunft ist. Das Silicon Valley ist der Hot Spot der Digitalisierung. Hier wird nicht nur die Zukunft, sondern es werden vollständig neue Geschäftsmodelle entwickelt. Es entstehen Arbeitsplätze, Wohlstand. Und dies mit einer Mentalität, die das bemerkenswerterweise auf Deutsch formulierte Motto der privat geführten Stanford University auf den Punkt bringt: Die Luft der Freiheit weht.

Quellen:

Bunz Mercedes; Die stille Revolution; Suhrkamp Verlag Berlin, 2012

Fürst Hans-Adam II von Liechtenstein; Der Staat im dritten Jahrtausend; Stämpfli Verlag AG, Bern, 2010

Gumbrecht Hans Ulrich; Umwertung der Wirtschaftswerte; in: NZZ, 6.2.2016

Habermaas Jürgen; Der europäische Nationalstaat unter dem Druck der Globalisierung; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Jg. 44 (1999), H. 4, S. 425 – 436

Hummler Konrad; Blockchain: wie explosiv? Bergsicht, Ausgabe 17, Januar 2016

Keese Christoph; Silicon Valley; Albrecht Knaus Verlag, München, 2014

McChrystal Stanley; Die Welt aus dem Gleichgewicht; in: Notenstein Gespräch, Juni 2014

Šik Ota; Höltschi René, Rockstroh Christian; Wachstum und Krisen; Springer Verlag, Berlin Heidelberg, 1988

Teubner Gunther; Polykorporatismus: Der Staat als „Netzwerk“ öffentlicher und privater Kollektivakteure; in: Peter Niesen und Hauke Brunkhorst  (Hrsg.), Das Recht der Republik: Festschrift Ingeborg Maus; Suhrkamp; Frankfurt, 1999