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Der Ewigkeitsfilter fällt weg

 

Dies gelesen: Die Stabilität der Welt ist nichts anderes als eine durch die menschliche Kurzlebigkeit erzeugte Illusion. (…) Bis ins 19. Jahrhundert waren die Veränderungen stets viel grossräumiger als die Lebensgeschichte des einzelnen Menschen. Insofern konnte einem das allgemeine Driften halbwegs egal sein. Im 20. Jahrhundert fällt der Ewigkeitsfilter, der das Weltbild so lange stabilisiert hat, allmählich weg. Und das ist zweifellos ein genuin modernes Phänomen: Die Veränderungen haben sich so sehr beschleunigt, dass sie innerhalb der eigenen Lebensgeschichte auffällig werden. (…) Unsere Situation ähnelt jener Alt-Ägyptens in einem Intervall zwischen zwei Dynastien: Ein älteres pharaonisches Regime ist zerfallen, ein neues hat sich noch nicht etabliert, der Nil macht unterdessen, was er will, er überschwemmt die Landstriche, die Dörfer, die Tempel. Die Sitten verwildern, die Gerechtigkeit ist obdachlos.(Quelle: René Scheu im Interview mit Peter Sloterdijk: «Die Sitten verwildern, die Gerechtigkeit ist obdachlos» in: NZZ, 30.3.2018)